Achim Amme

Autor, Schauspieler, Musiker

Noahs Nachbar

10.01.2008

Noahs Nachbar

Noah ist immer ein netter Kerl gewesen, immer freundlich, immer hilfsbereit, oft ein fröhliches Lied auf den Lippen, und wenn’s mal nicht so lief, wie gewünscht, dann hatte er einen Scherz parat, der ihn und andere über den Tag rettete. Es gab nichts an ihm auszusetzen. Er war ein Nachbar, wie er im Buche steht, bis zu dem Tag, an dem er plötzlich den Verstand verlor.
Wie anders soll man es bezeichnen, wenn einer, der nicht gerade den Hobel erfunden hat, seine eigene Garageneinfahrt mit einer Zimmermannsarbeit blockiert, die immer größere Ausmaße annimmt und schließlich nicht nur den Vorgarten mit Beschlag belegt, sondern das gesamte angrenzende Straßenstück gleich mit?
Unmut machte sich im Viertel breit. Zeitraubende Umwege erregten den Zorn der Bürger. Die Polizei wurde eingeschaltet. Umsonst.
Noah muss ziemlich gute Beziehungen haben, dass er mit dieser Geschichte durchkommt, jedenfalls bis jetzt. Der Verkehr wurde kurz nach Beginn von Noahs Aktion umgeleitet, die Straße vor seiner Haustür zur Sackgasse erklärt. Vergeblich sammelte eine kurzfristig ins Leben gerufene Bürgerinitiative Unterschriften gegen ihn und das seltsame, hölzerne Gebilde, das er schuf.
Die Schulkinder schmierten Farbe und Kreide darauf und sprayten es mit Graffiti voll. Doch Noah ließ das kalt. Wichtig schien ihm nur die rechtzeitige Fertigstellung seines ständig wachsenden Bauwerks. Er tue es nicht nur für sich, betonte er immer wieder. Aber den Namen seines Auftraggebers könne er nicht preisgeben, geschweige denn den Anlass. Geheime Staatssache oder sowas. Eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ihn allein, so scheint es. “Da werden wieder Gelder verschleudert, und das mit unseren Steuermitteln,” beklagte sich so mancher, seinem Gegenüber am Stammtisch damit in den Ohren liegend.

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